Nina Pauer: Wir haben (keine) Angst

Mal ehrlich, Nina Pauer hat einen Namen, bei dem man sofort vermutet, dem schlechten Wortspiel eines kalauernden Verlegers aufzusitzen. Aber der Name der Pauerfrau ist genauso real wie der Konflikt ihrer Generation, den man so gerne in die Luxusschublade stecken möchte. Unzufriedenheit trotz Überfluss, die Qual der Wahl, nicht nur “Eins, zwei oder drei”, nein, es gibt viel mehr Türen, die man nehmen könnte. Und was, wenn wir die falsche nehmen?

Wenn hinter der anderen Tür nun die besseren Geschenke warten?

Ich mag diese pseudo-psychologischen Bücher, in denen die Mücke zum Elefanten transformiert wird, eigentlich überhaupt nicht. Wieder ein Generationenbuch, das zu Tode analysiert, dachte ich, als ich das Cover anschaute. Was für ein Glück, dass es das nicht ist. Pauer bleibt nicht abstrakt, sondern erzählt durch die Augen zweier Protagonisten, Bastian und Anna. An manchen Tagen bin ich Anna, an manchen Bastian, und vor allem – nicht allein mit den Luxusproblemen. Mit wem redet man darüber, dass man vor lauter Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, den Weg nicht mehr sieht? Eltern und Großeltern erstehen so etwas sicherlich nicht, denn damals hatte man noch echte Probleme. 68 sah die Welt noch anders aus und Jahre zuvor stand sie Kopf. Sie bemühen sich, uns zu verstehen, so wie sich immer um uns bemühen – aber nachvollziehen können sie es nicht. Es ist nahe an der Grenze zur Peinlichkeit mit ehemals Hungerleidenden, Revoluzzern und Kriegsverfolgten über die Angst vor dem morgendlichen Aufstehen zu diskutieren. Deshalb lassen wir das lieber und fragen uns, was da eigentlich nicht stimmt mit uns.

Damals sorgten wir uns um andere, um das große “Wir”. Heute dreht es sich ganz undankbar um das “Ich”. Nicht gerade eine weltverbessernde Auszeichnung.

Alle Türen stehen uns offen. Und auf einmal sind wir Alice im Wunderland. Die große oder die kleine? Passe ich überhaupt durch? Soll ich nicht vielleicht doch noch etwas warten, bis eine andere aufgeht?
Und schon verharren wir wie das Kaninchen, um plötzlich aufgehetzt davonzurennen und hektisch auf die ablaufende Zeit zu schauen.

Nina Pauer hat keine Lösung und auch keine Antworten, aber ein bisschen Relation für diese abstrakten Ängste. Irgendwie klingt es nachher nicht mehr so falsch, keiner geifert oder schaut schief, weil wir uns die Probleme selber bauen. Der erhobene Zeigefinger bleibt aus, wie auch jede andere wertende Geste. Ein Buch, das erzählt und trotzdem gewaltig an der coolen Fassade rüttelt.

Mehr, mehr, mehr

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